Robert bringt Bewegung rein

Robert Riener ist Robotik-Forscher und Maschinenbau- Ingenieur. An der ETH Zürich forscht er an Orthesen, die mit Gedanken gesteuert werden können. Vor drei Jahren hat er den Cybathlon ins Leben gerufen und damit der Entwicklung von Assistenzgeräten und dem Dialog über Inklusion einen Schub gegeben.

Robert Riener forscht an der ETH Zürich und ist Initiant des Cybathlons.

 

Herr Riener, sind Sie ein Technikfreak?

Ja, ganz klar. Mein Vater war Automechaniker und zeigte mir, wie Motoren funktionieren. Ich war von der Technik begeistert und konstruierte selber LEGO-Roboter, die sich bewegen konnten. Es erstaunt also nicht, dass ich später Maschinenbau studierte ...

 

... und heute Professor für sensomotorische Systeme sind.

Während meiner Doktorarbeit an der Technischen Universität München beschäftigte ich mich mit der elektrischen Stimulation künstlich erzeugter Bewegungen bei Querschnittlähmungen. Die Auseinandersetzung mit Bewegungsanalyse und Bewegungssimulation vereinte mein Interesse an Robotik und Medizin. Und so gelangte ich 2003 an die ETH Zürich, wo ich seither ein Forschungslabor leite. Wir entwickeln beispielsweise Exoskelette, dank denen Gelähmte wieder selber gehen können.

 

Wie kamen Sie auf die Idee des Cybathlons?

Während der Projektarbeiten musste ich immer wieder feststellen, dass es den technischen Assistenzsystemen an praktischen Funktionen mangelt und diese deshalb nicht eingesetzt werden. Die Geräte erkennen nicht zuverlässig genug, wie sich der Mensch bewegen möchte. Wird zum Beispiel beim Treppensteigen der Bewegungswunsch von der Prothese nicht richtig erkannt, kann das gefährlich sein, weil der Bediener durch eine Fehlfunktion schwer stürzen kann. Neue Ideen und Weiterentwicklungen entstehen aber nicht im stillen Kämmerlein. Es braucht den Austausch zwischen Ingenieuren, Patienten und der Öffentlichkeit. Der Cybathlon bietet dafür die geeignete Plattform.

 

Aber warum in Form eines Wettkampfs?

Einerseits wegen des Konkurrenzkampfs. Er motiviert Entwicklungsteams, in recht kurzer Zeit zuverlässigere Lösungen zu entwickeln. Andererseits können wir bei einem Wettkampf ganz klare Vorgaben machen und die Entwicklung dahin leiten, wo sie auch wirklich hin soll. Wir wollen Geräte, welche den Alltag von Menschen mit Behinderung erleichtern. Entsprechend besteht der Cybathlon aus konkreten alltagsrelevanten Aufgaben, wie zum Beispiel mit einer Prothese eine Tür öffnen. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: Mehrere Teams entwickeln Innovation auf denselben Zeitpunkt hin. All dies sorgt dafür, dass es mehr Innovation gibt. Das führt zu mehreren tauglichen Produkten. Die Preise der Geräte, die heute noch sehr teuer sind, werden so morgen bezahlbar.


«Damit wird die Technik zu einem Stück Normalität und Behinderungen zu einem ganz normalen Aspekt unserer Gesellschaft.»

Robert Riener


Der Cybathlon feierte 2016 eine eindrückliche Premiere. In der ausverkauften SWISS Arena in Kloten verfolgten fast 5000 Menschen das Zusammenspiel von Mensch und Technik, in den Medien wurde weltweit berichtet und es gab diverse Publikationen in wissenschaftlichen Journalen. Sind Sie stolz, wenn Sie darauf zurückblicken?

Ja, der Anlass war in vielerlei Hinsichten extrem bewegend. Die grossartigen Emotionen der Teilnehmenden und die spürbare Euphorie des Publikums haben mich sehr beeindruckt. Was wir mit dem Cybathlon 2016 erreichen konnten, hat meine Erwartungen übertroffen. Auch dank der grossen medialen Präsenz ist es uns gelungen, in einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten. Damit Menschen mit Behinderung besser in die Gesellschaft integriert, ja inkludiert werden können, brauchen sie nämlich nicht nur technische Unterstützung, sondern auch eine barrierefreie Umgebung und barrierefreie Denkweisen der Menschen ohne Behinderung. Wir konnten mit Politikern über die Finanzierung von Assistenztechnologien sprechen, uns mit Architekten über die Barrierefreiheit austauschen und einen allgemeinen Diskurs über Akzeptanz und Inklusion starten. Und selbstverständlich hatte der Cybathlon einen grossen Effekt auf den technologischen Fortschritt.

 

Können Sie diesen Fortschritt an einem Beispiel aufzeigen?

Beim ersten Cybathlon Testlauf 2015 hat es nur ein Team geschafft, mit dem Rollstuhl Treppen zu steigen. Beim Cybathlon 2016 schafften es dann neun von zehn Teams. Und zwei dieser Teams bieten ihre Technologie sogar schon kommerziell an. Sie haben Firmen gegründet und verkaufen ihre treppensteigenden Rollstühle.

 

Weshalb sind solche technischen Fortschritte jetzt möglich?

Motoren und Batterien werden leistungsfähiger, Computer schneller und Materialien belastbarer. Damit lassen sich Assistenzsysteme kontinuierlich verbessern. So können Menschen mit Beinprothesen bald bergauf gehen, ohne dabei zu humpeln oder zusätzlich auf Handgeländer angewiesen zu sein. Damit wird die Technik zu einem Stück Normalität und Behinderungen werden zu einem ganz normalen Aspekt in unserer Gesellschaft.

 

Können Menschen mit technischen Assistenzsystemen gar einen Vorteil haben?

Ja, in einigen Jahren wird die Technik den Menschen leistungsfähiger machen. Diese erhöhte Leistungsfähigkeit wird aber stets nur in ganz bestimmten Nischen zur Anwendung kommen. Jemand mit einer Prothese wird vielleicht weiter springen, damit aber nicht Autofahren können. Man muss aber wissen, dass solch leistungsfähige Techniken, die auch für Menschen ohne Einschränkungen einen Mehrwert bedeuten, heute noch in den Kinderschuhen stecken.

 

Aber sie werden kommen und unsere Gesellschaft beeinflussen …

Es ist wie mit jeder neuen Technologie: Wir müssen die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, richtig einsetzen und unsere Verantwortung wahrnehmen. Dann können Menschen mit Behinderung mehr erleben und Menschen ohne Behinderung sorgen – bewusst oder unbewusst – für eine bessere Integration in der Gesellschaft.


Text: Daniela Imsand, Bild: zVg

Zur Person

Robert Riener ist Professor an der ETH und am Universitätsspital Balgrist. Er leitet das ETH-Labor für sensomotorische Systeme und gilt als einer der renommiertesten Forscher im Bereich der Rehabilitationsrobotik. Dazu zählen motorisierte Prothesen oder Exoskelette, die Menschen mit Bewegungseinschränkungen das Leben erleichtern.

An der Swiss Handicap

Probieren Sie die verschiedenen Disziplinen des Cybathlons selber aus.
Cybathlon, Halle 1

Das ist der Cybathlon

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