Mit einem Knall war alles anders

Seit einem Autounfall hat Hans Schmied psychische Schwierigkeiten. Heute setzt er sich als ­Präsident des Vereins «GLEICH UND ANDERS Schweiz» für die ­psychische Gesundheit, Prävention und Unterstützung ­Betroffener ein. Das ist seine Geschichte.

Hans Schmied hat auch 16 Jahre nach dem tragischen Unfall noch Mühe, über ihn zu sprechen. Der 1. Juli 2003 war ein Tag, der sein Leben veränderte. Im Eichtunnel zwischen Luzern und Zürich quetschten zwei Sattelschlepper sein Auto ein. Er kam mit einem Schleudertrauma, Verletzungen an der Halswirbelsäule und einem eingedrückten Brustkorb ins Krankenhaus. Schmied ist auf eigene Entscheidung schnell wieder zu Hause. «Diese Entscheidung erfolgte im Nachhinein betrachtet etwas voreilig», so Schmied. Denn später diagnostizierten die Ärzte zusätzlich ein gebrochenes Handgelenk und Tinnitus auf beiden Ohren.  Die physischen Verletzungen verheilten zwar schnell. Was blieb, war das Nicht-Sichtbare: eine posttraumatische Belastungsstörung.

Gefangen im eigenen Haus
Schmied fand nicht zurück in den Alltag. Panikattacken und Depressionen wurden Teil seines Seins. «Ich sah immer wieder das Bild nach dem Aufprall vor mir. Erinnerte mich an den Lastwagenfahrer, der mit Zigarette im Mund aus dem Fahrzeug ausstieg, den Treibstoffgeruch, der mir in der Nase lag, und die unsägliche Angst, dass es zur Explosion kommt.» Der Hotelier lag nächtelang wach oder erwachte schweissgebadet aus Alpträumen. ­Suizidgedanken begleiteten ihn. Er erhielt psychologische Unterstützung, therapierte das Schleudertrauma sowie den Tinnitus. Sein psychischer Zustand verbesserte sich jedoch nicht.

Bis dahin führte Schmied zusammen mit seiner Frau Yvonne das Hotel St. Christoph in Emmenbrücke. Er war aktiv im Einwohnerrat der Gemeinde, kandidierte für den Kantonsrat, hatte einen Führungsposten im Militär – ein Mann, der mitten im Leben stand und von heute auf morgen nicht mehr der ist, der er war. «Ich fühlte mich wie neben meinem eigenen Körper.»

Auch auf seiner Frau Yvonne lastete ein enormer Druck. Sie führte das Hotel allein weiter, erledigte die Buchhaltung, kümmerte sich um die Angestellten und kam am Abend zu ihrem kranken Mann nach Hause. Man funktioniere einfach, sagt sie. Auch ihr Sohn litt, dies bemerkten seine Eltern aber vorerst nicht. Der Zehnjährige versuchte die Rolle seines Vaters zu übernehmen. Jetzt, 16 Jahre nach dem Ereignis, würde Schmied anders reagieren, sensibler. «Damals merkten wir nicht, wie es ihm dabei geht. Zum Glück hatte er einen aufmerksamen Lehrer.» Ein Jahr nach dem Unfall wies sich Schmied selber in eine psychiatrische Klinik ein. Es folgte eine Odyssee von Klinikaufenthalten. «Es war ein Kreislauf von Klinik, Heimkehr und erneutem Einbruch», blickt er zurück. An Arbeit war nicht zu denken. Auch seine Frau Yvonne stiess an ihre Grenzen. Schmieds entscheiden sich nach einem Jahr, das Hotel zu verkaufen, Yvonne Schmied nahm eine Stelle im Service an.


«Einer der schlimmsten Sätze für mich ist immer noch: ‹Jetzt reiss dich doch mal zusammen.› Denn das geht einfach nicht.»

Hans Schmied


Zurück ins Leben
2014 kam der Wendepunkt. Im elften Klinikaufenthalt realisierte Schmied, dass er sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen muss. «Im Klinikleben ist man wie in Watte gepackt, wird umsorgt und muss sich nicht um alles selber kümmern. Aber genau das wollte ich nicht mehr», resümiert Schmied. Ein Peer – ein Psychiatriemitarbeiter, der in seinem Leben ähnliche Erfahrungen gemacht hatte – brachte Schmied zurück ins Leben. Mit ihm konnte er Gespräche auf Augenhöhe führen. «Ich fühlte mich verstanden, da er wusste, von was ich sprach.» Das motivierte Schmied, 2015 die eineinhalbjährige Weiterbildung anzufangen und ins Berufsleben zurückzukehren. Auch für Hobbys fand er wieder Energie, beispielsweise beim Fischen: «Dabei kann ich abschalten und den Kopf lüften.»

Das Bewusstsein fördern
Wieder im Berufsleben wurde Schmied Teil des Filmes «Gleich und anders – wenn die Psyche uns fordert» von Jürg Neuenschwander. Die Dokumentation, die von Menschen mit psychischen Schwierigkeiten am Arbeitsplatz handelt, wurde am Berner Filmpreis Festival 2016 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Schmied wollte mit seinem Mitwirken mehr Aufmerksamkeit für psychisch Kranke im Berufsleben generieren. Denn oftmals sei das Verständnis nicht da. «Einer der schlimmsten Sätze für mich ist immer noch: ‹Jetzt reiss dich doch mal zusammen.› Denn das geht einfach nicht.» Sobald man sich rastlos fühle, den Schlaf nicht mehr finde, Herzklemmen ohne Herzprobleme habe, dünnhäutig sei und das Gefühl habe, nicht verstanden zu werden, solle man sich Hilfe im nahen Umfeld suchen und diese auch annehmen. «Viele Leute gestehen sich nicht ein, dass sie in einer Krise stecken, haben Angst vor der sozialen Ausgrenzung oder einem Stellenverlust», so Schmied. Mit der Gründung des Vereins «GLEICH UND ANDERS Schweiz», dem Schmied als Präsident vorsteht, will er mit Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Anlässen Aufklärungsarbeit leisten, um die psychische Gesundheit der Bevölkerung zu fördern und der Stereotypisierung von psychisch Kranken erfolgreich entgegenzuwirken.


Text: Luisa Böbner, Bild: zVg

An der Swiss Handicap

Verfolgen Sie die Podiumsdiskussion mit Hans Schmied zum Thema «Arbeit».
Freitag, 29. November 2019, 10.30 Uhr, Eventbühne

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